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Vom Dachboden der „Dimi“ nach South Carolina

Alumni-Geschichte(n): TH-Absolvent Thomas J. Ritter (Diplom Automatisierungstechnik 1988) im Gespräch

21.04.2017, Verfasser: HTWK Leipzig
TH-Alumnus Thomas Ritter vor dem KAERI (Korea Atomic Energy Research Institute)

TH-Alumnus Thomas Ritter vor dem KAERI (Korea Atomic Energy Research Institute)

Thomas J. Ritter studierte von 1984 bis 1988 Automatisierungstechnik/Messtechnik an der Technischen Hochschule Leipzig (TH Leipzig), der größten Vorgängereinrichtung der heutigen HTWK Leipzig. Nach der „Wende“ verschlägt es ihn in die USA. Dort arbeitet er heute als „Senior Market Manager Nuclear“ bei der Technetics Group in Columbia (South Carolina), wenn er nicht gerade weltweit unterwegs ist. 2017 sieht er eine Fernsehserie über den real existierenden Sozialismus, will nachsehen, was aus seiner damaligen Hochschule geworden ist – und landet auf den Alumni-Seiten der HTWK. Es entspinnt sich eine Mail-Korrespondenz mit dem Alumni-Beauftragten – hier das Ergebnis:

An welches Detail aus Ihrem Studium an der TH Leipzig können Sie sich gut erinnern?
Thomas J. Ritter: Zu Beginn des Studiums bekam meine Seminargruppe 84A3 einen Seminarraum unterm Dach in der „Dimi“, der Dimitroff-Straße (heutige Wächterstraße), zugewiesen. Für die Reinigung dieses Raums bekamen wir Geld, das wir zurückgelegt haben. Gegen Ende des Studiums waren von uns noch etwa 20 Absolventen übrig. Und nach der feierlichen Exmatrikulation im August 1988 haben wir uns entschieden, die so gesammelten Finanzen am Silbersee in Lößnig in Rostbrätl und Bier umzusetzen. Ich habe allerdings seither nie wieder zu einem meiner Kommilitonen – 84A1, 84A2, 84A3, 84A4 – Kontakt gehabt. Bis Ende 1989 war ich in Leipzig-Grünau zuhause. Dann bin ich aus Leipzig weg und nicht wieder zurückgekommen. Ich habe aber gerade gesehen, dass einer meiner Kommilitonen, Tilo Heimbold, heute Professor für Automatisierungstechnik ist – Respekt und Glückwunsch!

Welche Erfahrung im Studium hat Sie nachhaltig geprägt?
Ritter: Jeder Student fällt möglicherweise irgendwann mal durch eine Prüfung, aber bei mir waren gleich nach dem 2. Semester Physik und Mathematik zur Wiederholung angesagt. Das war ernst – gleich zwei Nachprüfungen. Vor lauter Schreck bestand ich Physik mit „sehr gut“ und Mathematik mit „gut“. „Failure is not an option“ ist heute einer meiner Leitsprüche zur Selbstmotivation – diese Erfahrung kommt mir bei meiner heutigen Arbeit, meiner heutigen Verantwortung und der Verantwortung gegenüber Kunden zugute.

Auf welche Erfahrung hätten Sie gern verzichtet?
Ritter: Sowohl auf die Fächer Philosophie, Sozialistische Ökonomie, Wissenschaftlicher Kommunismus als auch auf die dazugehörigen Hochschullehrer. Und auch auf das Fach GET, Grundlagen der Elektrotechnik, von uns Automatisierungstechnikern damals „Grundlagen der Exmatrikulationstechnik“ genannt. Ich habe seinerzeit GET doch noch erfolgreich abgeschlossen. Aber bis zum heutigen Tag verstehe ich nicht, wie ein Drehstrom-Asynchronmotor funktioniert.

Wie sind Sie auf ihren jetzigen Job aufmerksam geworden?
Ritter: Es waren die Kombination aus „sozialistischer Herkunft“, Russischkenntnissen, der Berufsausbildung Werkzeugmacher und meine Spezialisierung Messtechnik innerhalb der Automatisierungstechnik, was mich 1993 für meinen heutigen Arbeitgeber so interessant machte. 99% meines Jobs erledige ich seither in Englisch. Im März vergangenen Jahres habe ich wieder begonnen, Russisch zu lernen – nach 30 Jahren Pause.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Ritter: Ich arbeite vom „home office“ aus an internationalen Projekten, oder ich bin irgendwo auf der Welt auf Dienstreise, zurzeit viel in der Ukraine. Dazwischen gibt‘s nur Urlaub – muss auch mal sein, sagt meine Familie.

Apropos Familie – wie lebt es sich in den USA?
Ritter: Perspektivisch werden wir unsern Lebensmittelpunkt nach Südhessen verlegen – nicht wegen Politik, sondern wegen der Kinder. Meine Frau hat letztes Jahr ihre langjährige Arbeit bei einer Bank aufgegeben, sie wird Kindergartenerzieherin und studiert nun noch einmal – in Darmstadt. Meine Tochter promoviert in Geologie – an der FU Berlin, mein Sohn studiert Wirtschaftswissenschaften in Mainz.

An welchem Projekt arbeiten Sie zurzeit?
Ritter: Aktuell arbeite ich unter anderem an der Modifizierung der Konstruktion einer Dichtung für den Reaktordeckel eines Druckwasserreaktors russischer Bauart, deren Qualifikation, Zulassung und Lizensierung. In meine Verantwortung gehören elastische, metallische Hochleistungsdichtungen für die sichere und zuverlässige Abdichtung von Reaktordeckeln kommerzieller Kernreaktoren und für Langzeit-Lagerbehälter für nukleare, abgebrannte Brennelemente, sowie weitere sicherheitsrelevante Dichtungslösungen im nuklearen Kreislauf.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer jetzigen Tätigkeit?
Ritter: Ich darf eigenständig an internationalen Projekten arbeiten, bin quasi ohne Limits unterwegs. Über die Jahre und dank der (Teil)Erfolge vertraut man nicht nur der Firma, deren High-Tech-Produkten – sondern auch mir, und dies auf vier Kontinenten. Macht Spaß!

Welche wird Ihre nächste berufliche Station sein?
Ritter: Die Pension – voraussichtlich gegen Ende 2028. Bis dahin habe ich doch noch viel vor. Ich bin wirklich zufrieden mit dem, was ich tue, und dankbar, dass ich genau das tun darf.

Haben Sie noch viele Kontakte nach Leipzig?
Ritter: Im Moment bin ich mit einigen Schulkameradinnen in Leipzig in Kontakt. Wir begehen im Sommer 2018 den 40. Jahrestag unsers Schulabschlusses 1978 an der Polytechnischen Oberschule Juri Gagarin in Leipzig. Wir, es sind auch schon Omas und Opas dabei, haben vor, dies gemeinsam etwas zu feiern. 2018 jährt sich auch mein Abschluss an der TH Leipzig zum 30. Mal.

Welchen Ratschlag würden Sie Studierenden Ihres Faches aus heutiger Sicht geben?
Ritter: Wichtig ist, Dinge gleich beim ersten Mal richtig zu erledigen. Jedes Nachholen oder Nachbessern bedeutet immer eine Doppelbelastung. Mein Appell ist: Versucht auch, zügig fertig zu werden, und macht unbedingt den Masterabschluss! Außerdem: Industrie-Praktika, am besten international, möglichst im englischsprachigem Raum, weiten euren Horizont und erlauben es euch, wichtige Erfahrungen zu sammeln. Und weil das Schlagwort Digitalisierung ja in aller Munde ist: Elektronik und Computer können viel, aber nichts geht ohne die dazugehörende Mechanik und die Werkstoffe.

 

(April 2017)

 

 

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