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Faktencheck

Wird Deutschland zum Energieimporteur?

Mit dem Atommoratorium der deutschen Bundesregierung vom 14. März 2011 sollten die ältesten Kernkraftwerke für zunächst sieben Monate stillgelegt werden.

Die Stilllegung und das Nicht-wieder-Anfahren von Kraftwerken hat Folgen für den Export und Import von Elektrizität. Das Statistische Bundesamt stellt auf seiner Internetseite die Außenhandelsdaten sortiert nach Ländern, Gütern und Monaten zur Verfügung. Zum Zeitpunkt des Abrufes am 29. November 2011 lagen für Elektrizität Daten für den Zeitraum bis August 2011 vor. Am 26. April 2012 lagen die Daten bis Januar vor (nicht alle Grafiken wurden aktualisiert).

In den nachfolgenden Grafiken wurden Im- und Export von und nach einem Land jeweils in einem Saldo zusammengefasst.

 

Abbildung 1: Ein- und Ausfuhr von Strom für den Zeitraum von März 2010 bis Februar 2012. Einfuhren gab es auch in den vergangenen Sommern. 

Abbildung 1 zeigt, dass die Gesamtbilanz jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt. Zu einem Stromimport kam es auch im Sommer 2010. Aus Frankreich und der Tschechischen Republik wird sogar ganzjährig Strom importiert, nicht erst seit März 2011.

Abbildung 2: Darstellung der jahreszeitlichen Schwankungen von Stromim- und export. Zum Vergleich ist das mehrjährige Monatsmittel eingezeichnet.

In Abbildung 2 wird die Ein- und Ausfuhr von Elektrizität mit einem Mittelwert verglichen, der sich jeweils aus den drei, fünf oder zehn Monatswerten vor dem Moratorium errechnet. Die Datenreihe Monatsmittel (3 Jahre) umfasst also den Zeitraum von März 2008 bis Februar 2011. Für jeden Monat wird aus drei Werten ein Mittel gebildet und schließlich auf den ganzen Abbildungszeitraum projiziert.

Die Verhältnisse nach dem Moratorium werden in Abbildung 3 dargestellt. Wie bereits beschrieben, gehen in die Mittelwertberechnung nur die vor dem Moratorium ermittelten Werte ein. 

Abbildung 3: Vergleich des Stromimportes nach dem Moratorium mit dem mehrjährigen Monatsmittel. Im Oktober kam es wieder zu einem Stromexport. Im Februar 2012 stieg der Export sogar über die Vorjahreswerte.

Im Vergleich mit den Vorjahreszeiträumen wird deutlich, dass ab Mai mit einem Stromimport zu rechnen war - auch ohne die außerplanmäßige Abschaltung von Kernkraftwerken. Allerdings liegt der Import deutlich über den mehrjährigen Monatsmitteln.

Häufig wird die Meinung vertreten, dass die entstandene Lücke durch tschechischen Atomstrom gedeckt würde. Der Vergleich mit den Vorjahreswerten zeigt jedoch, dass trotz des Moratoriums eher weniger Strom aus der Tschechischen Republik importiert wurde.

Abbildung 4: Vergleich des Stromimportes aus der Tschechischen Republik nach dem Moratorium mit dem mehrjährigen Monatsmittel. Das Moratorium führte nicht zu einem größeren Import.

                                                  

 

 

 
 

2011

 
 

2008-2010

 
 

2006-2010

 
 

2001-2010

 
 

Durchschnittlicher Import 
 (April -August)

 
 

1.383
 (GWh p. M.)

 
 

67
 (GWh p. M.)

 
 

93
 (GWh p. M.)

 
 

524
 (GWh p. M.)

 
 Monatlicher Mehrbedarf
 Im Vergleich zum Mittel 
 

 

 
 

1.316
 (GWh p. M.)

 
 

1.291
 (GWh p. M.)

 
 

860
 (GWh p. M.)

 
 Jährlicher Mehrbedarf
 Im Vergleich zum Mittel 
 

 

 
 

15.797
 (GWh p. a.)

 
 

15.487
 (GWh p. a.)

 
 

10.318
 (GWh p. a.)

 
 

 

 
 

 

 
 

 

 
 

 

 
 

 

 
 

Jährlicher Stromexport
 bisher

 
 

 

 
 

15.296
 (GWh p. a.)

 
 

16.022
 (GWh p. a.)

 
 

8.626
 (GWh p. a.)

 
 

Jährlicher Stromexport
 künftig

 
 

 

 
 

-501
 (GWh p. a.)

(Import)

 
 

534
 (GWh p. a.)

 
 

-1692
 (GWh p. a.)

 (Import)

Tabelle 1: Deutschland war auch in den Vorjahren in den Monaten April bis August Stromimporteur. Der Durchschnittliche Import in den Monaten April bis August war 2011 freilich deutlich höher als in den Vergleichszeiträumen der Vorjahre. Geht man davon aus, dass der Mehrbedarf auch in den Folgemonaten bestehen bleibt, lässt sich der jährliche Mehrbedarf errechnen.

                                                  

 

 

 
 

2011/2012

 
 

2008-2010

 
 

2006-2010

 
 

2001-2010

 
 

Durchschnittlicher Import 
 (April 2011-Februar 2012)

 
 

-109
 (GWh p. M.)

 
 

-1182
 (GWh p. M.)

 
 

-1226
 (GWh p. M.)

 
 

-624
 (GWh p. M.)

 
 Monatlicher Mehrbedarf
 Im Vergleich zum Mittel 
 

 

 
 

1.074
 (GWh p. M.)

 
 

1.117
 (GWh p. M.)

 
 

516
 (GWh p. M.)

 
 Jährlicher Mehrbedarf
 Im Vergleich zum Mittel 
 

 

 
 

12.883
 (GWh p. a.)

 
 

13.409
 (GWh p. a.)

 
 

6.190
 (GWh p. a.)

 
 

 

 
 

 

 
 

 

 
 

 

 
 

 

 
 

Jährlicher Stromexport
 bisher

 
 

 

 
 

15.296
 (GWh p. a.)

 
 

16.022
 (GWh p. a.)

 
 

8.626
 (GWh p. a.)

 
 

Jährlicher Stromexport
 künftig

 
 

 

 
 

2.413
 (GWh p. a.)

 
 

2.613
 (GWh p. a.)

 
 

2.435
 (GWh p. a.)

 

Tabelle 2: Am 15.05.2012 aktualisierte Tabelle mit den Daten bis Februar. Es ist insgesamt mit einem Ausfuhrsaldo zu rechnen.

Herkunft des Stroms

Wo kommt der Strom her, den Deutschland nun in manchen Monaten zusätzlich importieren muss?

Dazu werden zunächst die Bilanzen für die Vorjahre betrachtet und anschließend die 2011 eingetretene Veränderung zum Vergleich gebracht. 

Abbildung 4 (links): Stromimporte kamen in den vergangenen Jahren (jeweils für den Zeitraum von März bis Dezember) vor allem aus Frankreich und Tschechien. Ein großer Teil davon wurde wieder exportiert, beispielsweise nach den Nierderlanden, Belgien und Polen.

Abbildung 4 (rechts): Zusätzlicher Strom wird seit dem Moratorium vor allem aus Frankreich importiert.

Im Vergleich zeigt sich, dass der Mehrbedarf durch zusätzliche Stromimporte aus Frankreich und aus Dänemark gedeckt wurde - sowie durch verringerte Ausfuhren vor allem in die Niederlande. Die Ausfuhren nach Österreich und in die Schweiz wurden sogar gesteigert, der Import tschechischen Stroms im Vergleich zu den Vorjahren reduziert.

Fazit

Ohne Berücksichtigung künftiger Entwicklungen und der Abschaltung weiterer Kernkraftwerke ist damit zu rechnen, dass Deutschland eine ausgeglichene Außenhandelsbilanz für Elektrizität vorlegen wird.

Die oftmals kolportierte Meinung, der Mehrbedarf würde durch potenziell unsichere tschechische Kernkraftwerke gedeckt, lässt sich anhand der statistischen Daten nicht belegen.

Im Kalenderjahr 2011 hat Deutschland insgesamt Strom exportiert, da in den ersten 2½ Monaten des Jahres noch kein Mehrbedarf vorhanden war. Der Export bewegte sich hier bei 2.500 - 3.000 GWh je Monat. 

Im Februar 2012 lag der Export insgesamt sogar höher als in den vergangenen Jahren.

 

Hinweise zur Bewertung der Daten
Bei der Auswertung statistischer Daten ist Vorsicht geboten. Sie geben keinerlei Auskunft etwa über langfristige Lieferverträge, Engpässen bei (regionalen Leitungskapazitäten, Revisionszeiten von Kraftwerken oder sonstigen technischen Erfordernissen.

Monatsmittel
Wie der Ausfall oder Abschaltung eines Kraftwerkes kompensiert wird, lässt sich aus den Monatsmitteln nicht entnehmen. Hier muss auf die tagesaktuellen Werte verwiesen werden werden (siehe Studie des bdew)

Zusammenstellung der Daten: Dr. Martin Schubert und Hannes Löschke.

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