Die Stiftung HTWK ehrte Dr. Ann-Kathrin Dieterle mit dem Dissertationspreis 2026 für ihre Forschung zur organisationalen Resilienz von Unternehmen
Konflikte, Krisen und dynamische Entwicklungen, die beispielsweise durch Kriege, Pandemien oder technologische Umbrüche mit Digitalisierung und KI auftreten, stellen Unternehmen vor große Herausforderungen: Um diese unerwarteten Veränderungen zu bewältigen, müssen sie möglichst schnell die veränderten Rahmenbedingungen antizipieren, sich darauf vorbereiten und langfristig strategisch anpassen. Diese Fähigkeit wird als organisationale Resilienz bezeichnet. Dabei helfen können auch organisationsübergreifende Kooperationen, wie Dr. rer. pol. Ann-Kathrin Dieterle in ihrer Dissertation herausstellte. Ihre Forschungsleistung würdige die Stiftung HTWK mit dem Dissertationspreis 2026.

Wie die organisationsübergreifende Kooperation konkret dazu beitragen kann, die Resilienz von Unternehmen aufzubauen und praktisch umzusetzen, untersuchte Dieterle in ihrer Dissertation zum Thema „The Role of Inter-organizational Cooperation for Resilience: An Analysis of Organizational Processes, Strategies, Practices, and Sources“, die sie an der HTWK Leipzig in Kooperation mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg verfasste. Für ihre Untersuchungen führte sie erstmals bestehende Erkenntnisse aus der Organisations-, der Lieferketten- und der regionalen Wirtschaftsforschung zusammen. Außerdem untersuchte sie Beispiele der Unternehmenskooperation in Zusammenhang mit kurzfristigen sowie langfristigen Krisenauslösern und führte Fallstudien in etablierten Unternehmen durch.
Wie müssen hilfreiche Kooperationen gestaltet werden?
In der Forschung lag der Blick bisher darauf, wie einzelne Unternehmen widerstandsfähiger werden können. Weniger untersucht wurde bislang, welche Rolle Kooperationen einnehmen können. Dabei existieren solche Partnerschaften zwischen Unternehmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen bereits, um beispielsweise Innovationen zu entwickeln, Wissen auszutauschen oder gemeinsam auf Lieferkettenrisiken während Krisen zu reagieren. Dieterle fragte sich daher, wie organisationsübergreifende Kooperation genau zur Resilienz von Unternehmen beiträgt und wie sie konkret gestaltet werden kann.
„Meine Analyse zeigt, dass kurzfristige, flexible Kooperationen zur Überwindung von akuten Krisen beitragen, während langfristige Partnerschaften die Grundlage für nachhaltige Anpassung schaffen“, sagt Dieterle. Unternehmen können besonders dann Resilienz aktiv aufbauen, wenn sie verschiedene Innovationsstrategien miteinander verbinden. Gerade die Nutzung und Kombination von internen Initiativen als auch externen Kooperationen ermöglichen eine echte Erneuerungsfähigkeit, da eine größere Vielfalt an Kompetenzen und Ressourcen entsteht. Entscheidend für die Stärkung der Resilienz durch Kooperationen ist die Qualität der Zusammenarbeit. Unter anderem spielen dabei Agilität, Improvisation, gegenseitige Wertschätzung und die Bereitschaft zum gemeinsamen Lernen eine zentrale Rolle.
Ergebnisse und Handlungsempfehlungen
Die Ergebnisse ihrer Dissertation schrieb sie in vier wissenschaftlichen Veröffentlichungen nieder, in denen sie sich zugleich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven widmete: von der theoretischen Einordnung über die Stärkung strategischer Resilienz durch Kooperationen und Innovationen als proaktive Resilienzstrategie bis hin zu Kooperationen mit Start-ups als konkrete Praxis. Daneben leitete sie praktische Handlungsempfehlungen für die Managementebene in Unternehmen ab.
„In der COVID-19-Pandemie haben beispielsweise Restaurants und Lebensmittelmärkte zusammengearbeitet und kurzfristig flexibel Personal getauscht, so dass die Beschäftigten nicht entlassen werden mussten“, erzählt Dieterle. In wiederum anderen Kooperationen zwischen Medizintechnikunternehmen wurden gemeinsam COVID-19-Schnelltest entwickelt oder Brennereien wurden mit Wissen ausgestattet, wie diese Desinfektionsmittel für die medizinische Versorgung herstellen konnten. In anderen Wirtschaftszweigen wiederum wurde Personal in Schichten eingeteilt, um die kritische Infrastruktur zu erhalten. Die meisten Unternehmen haben Pläne zur Vorbereitung auf Notfälle und ungeplante Szenarien, wie sie beispielsweise die Corona-Pandemie war.
„Da organisationale Resilienz nicht nur innerhalb eines einzelnen Unternehmens entsteht, sondern stark durch Netzwerke geprägt werden kann, empfehle ich Unternehmen ihre Widerstandsfähigkeit aktiv zu stärken, indem sie gezielt Kooperationen aufbauen, Wissen teilen und gemeinsame Innovationsprozesse gestalten“, so Dieterle. Konkret rät sie der Managementebene, interne Rollen zu schaffen, die aktiv nach geeigneten Partnern suchen, wie etwa Innovations-Scouts, die Start-ups identifizieren, oder Innovations-Übersetzerinnen und -Übersetzer, die zwischen Kooperationspartnern und internen Geschäftsbereichen vermitteln.
Relevanz für die Unternehmenspraxis
„Die Arbeit von Dr. Dieterle bietet durch ihre Orientierung an Krisenauslösern mit unterschiedlichem Zeitbezug – von der Covid-19-Pandemie mit sehr kurzfristigen Herausforderungen bis zur langfristigen Transformation ganzer Energiesysteme mit dem Atom- und Braunkohleausstieg– eine sehr breite Vielfalt an strategischen Empfehlungen, die für etablierte Unternehmen unterschiedlicher Größe gleichermaßen relevant sind“, so Rüdiger Wink, Professor für Volkswirtschaftslehre an der HTWK Leipzig, der seitens der Hochschule die Arbeit mitbetreute.
Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und die konkreten Impulse zur organisationalen Resilienz mithilfe von Kooperationen sind für die Unternehmenspraxis besonders spannend. „Es ist vor allem für all jene Wirtschaftszweige von Interesse, die aktuell mit Herausforderungen und Transformationsprozessen konfrontiert sind. Dazu zählen derzeit beispielsweise der Energiesektor, die Automobilindustrie, das Gesundheitswesen oder die Bauwirtschaft“, so Dieterle.
Kurzvita
Dr. Ann-Kathrin Dieterle studierte Kultur- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg, Communications in Creative Multimedia am Dundalk Institute of Technology sowie General Management an der HTWK Leipzig. Bereits in ihrer Masterthesis befasste sie sich mit den Themen Veränderungsmanagement und innovative Geschäftsmodelle. In ihren anschließenden Mitarbeiten von 2018 bis 2024, zunächst in der interdisziplinären Nachwuchsforschungsgruppe „DigiTransSachs“ der HTWK Leipzig und dann in der HTWK-Gründungsberatung Startbahn 13, trug ihre Forschung zur Frage, welchen Mehrwert Kooperationen für die Anpassung an neue Entwicklungen bieten, ebenfalls bei: zur Mission von „DigiTransSachs", anwendungsnahe Lösungen für die digitale Transformation sächsischer Unternehmen zu erarbeiten, und zur Praxis von Startbahn 13, wo sie aus erster Hand erlebte, welche Rolle junge Unternehmen als Kooperationspartner für etablierte Firmen spielen können. Seit März 2024 bringt sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gruppe „Innovationspolitik und Transferdesign" am Fraunhofer ISI in Leipzig ihre Erkenntnisse zu Kooperationsdynamiken und Innovationsmanagement direkt in die anwendungsnahe Forschung zu Transferstrukturen und regionalen Transformationsprozessen ein.
