Mutterschaft, Kindererziehung und Frauenfreundschaften zwischen Aufklärung und Haskala. Jüdische Frauen in Sachsen und darüber hinaus
Mutterschaft, Kindererziehung und Frauenfreundschaft bilden im epistolaren Netzwerk Rahel Levin Varnhagens (Berlin, 1771-1833) ein eng verflochtenes thematisches Gefüge. Das Thema Mutterschaft erscheint häufig zusammen mit Fragen der moralischen Erziehung der Kinder, ihrer kulturellen Bildung sowie der Schwierigkeit, als alleinstehende Mutter zu leben. Rahel ihrerseits reflektiert oft über den Konflikt zwischen gesellschaftlichem Druck auf Frauen, Mutterschaft und weiblicher Freiheit sowie über das Spannungsverhältnis zwischen Mutterschaft und intellektueller Autonomie. Mutterschaft wird zudem als gesellschaftliches Schicksal der Frauen diskutiert. Überlegungen zur Mutterschaft – auch außerhalb der Ehe – können als intellektuelle Reaktion auf zeitgenössische Debatten und Publikationen verstanden werden: Die Tatsache, keine eigenen Kinder zu haben, steht Rahel nicht im Wege, sich zu diesem Thema mit Empathie zu äußern. Formeln emotionaler Vertrautheit und Diskussionen über Frauenfreundschaft treten in ihrem Briefwechsel häufig auf. Zwischen dem Bedürfnis nach emotionales Verständnis und dem Bekenntnis von Gefühlslagen entfaltet sich so jene besondere Form der Frauenfreundschaft, die eines der charakteristischen Merkmale des intellektuellen Kreises der Berliner – und darüber hinausgehenden – jüdischen Salons zwischen Aufklärung und Haskala (ab 1770 in Berlin) darstellt. Besonders die von ihren Korrespondentinnen aus Leipzig verfassten Briefe sind von großem Interesse, da sie zu den intimsten Dokumenten der weiblichen Korrespondenz Rahel Levin Varnhagens zählen.
Dr. Paola Ferruta hat Geschichte an der Universität La Sapienza (Rom I) studiert und im Jahr 2008 im Rahmen einer cotutelle de thèse an der Universität Bielefeld (Deutschland) und der École des Hautes Études en Sciences Sociales (Paris) promoviert. Sie ist assoziierte Wissenschaftlerin am Centre Roland Mousnier der Universität Paris-Sorbonne, am Institut d’Histoire du Temps Présent in Paris (Aubervilliers) sowie am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg in Berlin. Ihre Monografie Die Saint-Simonisten und die Konstruktion des Weiblichen (1829–1845). Eine Verflechtungsgeschichte mit der Berliner Haskala ist 2014 im Olms-Verlag in der Reihe „Haskala“ erschien.