Die Shoah und die DDR: Akteure und Aushandlungen im Antifaschismus
Geschichte war ein streng reguliertes Feld in der DDR. Auch der staatlich forcierte Antifaschismus ließ, so die Annahme, kaum Spielräume für abweichende Narrative. Wie konnten daher jüdische Verfolgungserfahrungen u. antifaschistische Überzeugungen unter staatssozialistischen Vorzeichen verhandelt u. artikuliert werden? Welche Rolle spielten jüdische Überlebende in der DDR in der kulturellen Auseinandersetzung mit der Shoah u. dem Nationalsozialismus?
In seinem Vortrag geht der Historiker Alexander Walther diesen Fragen nach. Ausgehend von Nachlässen und Egodokumenten zeichnet er die Handlungsoptionen und Motivationen vor allem jüdischer, vereinzelt auch nicht-jüdischer Akteurinnen und Akteure nach. Neben einer Analyse früher Formen der Erinnerung und Wissensvermittlung stehen die Arbeiten des Schriftstellers Arnold Zweig, der Sängerin Lin Jaldati, des Historikers Helmut Eschwege, des Journalisten Heinz Knobloch sowie die Aktivitäten einzelner DDR-Verlage im Mittelpunkt. Dieser multiperspektivische Zugang zeigt, welche Strategien es gab, ein politisch vernachlässigtes und gesellschaftlich unerwünschtes Thema dennoch öffentlich zu platzieren und Akzente zu setzen. Dabei wird auch das Spannungsfeld zwischen eigensinnigem Handeln und teils parteiloyalen, mitunter schmerzhaften Zugeständnissen untersucht.
Alexander Walther ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026“ am Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz. Er studierte Geschichte und Englisch für das Lehramt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und war wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Jena und Erfurt. 2023 promovierte er an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zur Erinnerung an die Shoah in der DDR.
