Musik im Judentum: Tradition, Geschichte, Gegenwart
Innerhalb der jüdischen Kultur nimmt die Musik eine zentrale Position ein und weist eine nahezu zweieinhalb Jahrtausende umfassende Entwicklungskontinuität auf. Sie ist untrennbar mit der jüdischen Identität verknüpft und zeichnet sich durch eine enorme Vielfalt und Heterogenität aus.
Ein zentraler Pfeiler ist die Sakralmusik. Das Ausüben der jüdischen Religion ist ohne Musik undenkbar; Gebete, Torarezitationen und selbst das Tora- und Talmudstudium werden traditionell singend vollzogen. In orthodoxen Synagogen wird im Gottesdienst ausschließlich vokal musiziert, wobei überlieferte Melodien (misinai), improvisierte Weisen (nussach) sowie biblische Kantillationen (teamim) im Zentrum stehen. Der Vorbeter (Chasan) spielt hierbei eine tragende Rolle. In der Reformbewegung wurde dieser Stil seit dem 19. Jahrhundert durch die Einführung von Orgel und Chorsätzen nach christlichem Vorbild wesentlich modernisiert.
Im weltlichen Bereich ist die Klezmer-Musik am besten bekannt, sie entstand als Instrumentalfolklore osteuropäischer Juden und absorbierte Einflüsse benachbarter Kulturen. Parallel dazu entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge einer kulturellen Renaissance eine jüdische Kunstmusik, die versuchte, traditionelle synagogale Motive und jiddische Volkslieder in moderne Kompositionsformen zu integrieren.
Trotz verheerender Brüche des 20. Jahrhunderts blieb die jüdische Musik ein wesentlicher Bestandteil der Weltkultur. Nach der Schoah wandelte sich jedoch ihre Rezeption: Sie wird heute häufig als moralisches Symbol für menschliche Schutzlosigkeit und Leid wahrgenommen. Das „Jüdische“ in der Musik ist somit weit mehr als nur Folklore; es ist ein Ausdruck für Pluralismus und universelle Menschlichkeit, der weit über seine ursprüngliche religiöse oder ethnische Bedeutung hinausweist.
Jascha Nemtsov ist Pianist und Musikwissenschaftler, Professor für Geschichte der jüdischen Musik an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und Akademischer Leiter der Kantorenausbildung an der Universität Potsdam. Er studierte am St. Petersburger Staatlichen Konservatorium und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Forschungsprojekte sind jüdischer Musik und jüdischen Komponisten im 19. und 20. Jahrhundert gewidmet. Zuletzt erschienen im Harrassowitz Verlag Wiesbaden seine Monographie From St. Petersburg to Vienna: The New Jewish School in Music (1908–1938) as Part of the Jewish Cultural Renaissance und im Nomos Verlag sein Lehrbuch Jüdische Musik: Einführung, die erste Publikation dieser Art weltweit. Als Pianist konzertiert Nemtsov international, er nahm bislang mehr als 40 CDs auf, darunter zahlreiche Ersteinspielungen von Werken wiederentdeckter verfolgter Komponisten. 2007 bekam er den Preis der Deutschen Schallplattenkritik und 2018 den Preis OPUS KLASSIK.

