Eine Anhörung im sächsischen Landtag am 5. Oktober 2026 gab HAW und externen Experten Gelegenheit, ihre Argumente vorzutragen
Die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig) hat im sächsischen Landtag ihre Forderung nach Einführung eines eigenständigen Promotionsrechts für Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Sachsen bekräftigt.
Der Rektor der HTWK Leipzig, Prof. Dr.-Ing. Jean-Alexander Müller hatte Gelegenheit, im Rahmen einer öffentlichen Anhörung im Ausschuss für Wissenschaft, Hochschule, Medien, Kultur und Tourismus seine Argumente dafür darzulegen.
Die Anhörung stand unter dem Titel „Wachstumsbremse für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Sachsen lösen – eigenständiges Promotionsrecht für Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) einführen“. Sie geht auf einen Antrag der Bündnisgrünen (Drucksache 8/7203) vom Juni 2026 zurück. Dieser greift zentrale Fragen auf: Wie steht es um Sachsens Forschungsstärke? Welche praktischen Erfahrungen machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den HAWs? Und welche Chancen entgehen dem Freistaat durch die aktuelle Regulierung?
Bei der Anhörung wurde Prof. Müllers Argumentation durch Beiträge seiner Amtskollegen Prof. Dr.-Ing. Alexander Kratzsch, Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz sowie Prof. Dr. Volker Tolkmitt, Rektor der Hochschule Mittweida, unterstützt.
Auch Prof. Dr. Christian Facchi, Leiter der Doctoral School der Technischen Hochschule Ingolstadt und Steve Federow vom Halbleiterhersteller GlobalFoundries sprachen sich für das eigenständige Promotionsrecht aus.
Dagegen verwies Prof.in Dr.in Ursula M. Staudinger, Rektorin der TU Dresden, auf die bereits bestehende Möglichkeit der Kooptation, die HAW-Professorinnen und -Professoren erlaubt, sich an universitären Fakultäten angliedern zu lassen, um dort das Promotionsrecht ausüben zu können. Dieses junge System solle zunächst hinreichend ausprobiert werden, so Staudinger.
Die HTWK Leipzig gehört zu den drittmittel- und forschungsstarken HAW in Deutschland
Hauptargumente der Fürsprechenden: Die sächsischen HAW haben bereits heute die Qualität und die Fähigkeit, Promovierende zu betreuen. Das fehlende eigenständige Promotionsrecht ist ein Standortnachteil für Sachsen – sowohl für das Wissenschaftssystem als auch für die wirtschaftliche Entwicklung des Freistaats.
Der unabhängige Experte Ulrich Müller, Leiter für politische Analysen beim CHE Centrum für Hochschulentwicklung, teilte diesen Standpunkt voll und ganz: „Ende des Jahres wird auch Niedersachsen das Hochschulgesetz geändert haben. Dann steht Sachsen ohne Promotionsrecht für HAW einsam und allein da. Das wäre ein gravierender Wettbewerbsnachteil für das Land. Sachsen sollte seine HAW hier nicht dauerhaft etwas vorenthalten, was ihnen helfen würde, forschungsstarke Bereiche weiter nachvorne zu bringen“, so Ulrich Müller. Insgesamt zeigte er sich verwundert über den Stand der Diskussion in Sachsen. Er wies darauf hin, dass das eigene Promotionsrecht an den HAW außerhalb des Freistaates längst akzeptiert ist und die eigenständigen Promotionen an den HAW in anderen Bundesländern sehr hohen Qualitätsstandards genügen.
Die sächsischen HAW gehören bereits heute zu den stärksten in Deutschland und bieten starke Transferleistungen zu Gunsten der sächsischen Wirtschaft.
HTWK-Rektor Müller: „Die HTWK Leipzig gehört zu den drittmittel- und forschungsstarken HAW in Deutschland. Unsere Absolventinnen und Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt gefragte Fachkräfte, weil sie bereits Praxiserfahrungen mitbringen.
Wir transferieren zwei wichtige Güter: Das eine sind die Ergebnisse unserer Forschung. Das andere sind die klugen Köpfe: Die Drittmittelbeschäftigten und allen voran die Promovierenden gehen mit diesen Ergebnissen direkt in die sächsischen Unternehmen.“
Mehrere Redner verweisen darauf, dass es zudem zahlreiche Fächer an den HAW gibt, die kein Äquivalent an den Universitäten haben, was die Suche nach Kooperationspartnern oder kooptierenden Fakultäten erschwert.
Professorinnen und Professoren der HTWK Leipzig begleiten eine seit Jahren kontinuierlich anwachsende Zahl von Promovierenden. Derzeit promovieren erstmals mehr als 100 Forschende gleichzeitig an der HTWK Leipzig in Kooperation mit einer Universität. Seit zehn Jahren unterstützt das Graduiertenzentrum GradZ an der HTWK Leipzig Promotionsinteressierte und Promovierende in allen Fragen rund um ihr Vorhaben.
Hintergrund der Forderung
Bisher ist es sächsischen HAW rechtlich nicht erlaubt, eigenständig Promotionsverfahren anzubieten. Dies dürfen sie nur in Kooperation mit einer Universität. Die Landesrektorenkonferenz Sachsen (LRK) hat zudem für Professorinnen und Professoren von HAW die Möglichkeit geschaffen, sich in Fakultäten an Universitäten aufnehmen – kooptieren – zu lassen, um auf diese Weise das Promotionsrecht ausüben zu können.
Den HAW in Sachsen reicht das jedoch nicht aus, weil sie bei diesem Modell vom Wohlwollen der Universitäten abhängig bleiben.
Sachsen ist inzwischen das einzige Bundesland, das seinen HAW das eigenständige Promotionsrecht noch verwehrt.
Jean-Alexander Müller betont, dass dies die Gewinnung exzellenter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen sowie den Aufbau von Forschungsnetzwerken behindert und den Transfer von Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft erschwert. Besonders mittelständische Unternehmen, die keine eigenen Forschungsabteilungen unterhalten können, profitieren von anwendungsorientierten Promotionen am Standort, am besten in direkter Kooperation.
„Als praxisorientierte Hochschule engagiert sich die HTWK Leipzig bereits heute in vielfältigen Forschungsnetzwerken und generiert durch angewandte Forschung konkrete Lösungen für die Gesellschaft und regionale Unternehmen. Eigenständige Promotionen würden diese Aktivitäten weiter stärken. Die HTWK Leipzig ist überzeugt, dass eigenständige Promotionsrechte an den HAWs die Forschungs- und Transferpotenziale erheblich steigern würden. Dafür werden wir uns weiterhin einsetzen“, macht Müller deutlich.