Neue Studie der HTWK Leipzig zeigt Defizite in der baulich-räumlichen Umsetzung fachlicher Anforderungen Sozialer Arbeit in sächsischen Schutzeinrichtungen
Schutzeinrichtungen für von häuslicher Gewalt betroffene Erwachsene und ihre Kinder sind weit mehr als Unterkünfte. Sie sind Schutzräume, in denen Stabilisierung, Beratung, Kinderschutz und Perspektiventwicklung unter professioneller Begleitung stattfinden. Die neue interdisziplinäre Modellstudie der HTWK Leipzig zeigt, dass die baulich-räumlichen Bedingungen vieler Einrichtungen in Sachsen diesen fachlichen Anforderungen nur eingeschränkt entsprechen. Der Forschungsbericht steht ab sofort öffentlich zum Download zur Verfügung.
In Zusammenarbeit der Bereiche Architektur und Sozialwissenschaften wurde der baulich-räumliche Bestand sächsischer Schutzeinrichtungen erstmals systematisch im Hinblick auf die Anforderungen Sozialer Arbeit untersucht. Ziel war es, zu analysieren, inwiefern räumliche Strukturen professionelle Unterstützungsprozesse ermöglichen oder behindern.
„Soziale Arbeit braucht Raum. Als sicherer Rückzugsort für Erwachsene und ihre Kinder sowie für Beratung, Stabilisierung, Krisenintervention und fachliche Reflexion sind geeignete räumliche Strukturen keine Nebensache, sondern wesentliche Rahmenbedingungen professionellen Handelns“, sagt Cornelia Sperling, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Sozialwissenschaften der HTWK Leipzig.
Qualität bestehender Einrichtungen im Fokus
Im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt untersuchten die Forschenden der HTWK Leipzig die baulich-räumlichen und sicherheitstechnischen Gegebenheiten sächsischer Schutzeinrichtungen. Aus objektiven Messungen, wie Raumgrößen, Ausstattung und Sicherheitsmerkmalen, sowie den Praxiserfahrungen von Fachkräften und Schutzsuchenden erfolgte eine funktionale und subjektive Bewertungen der Räume. „Dieser Ansatz ermöglichte uns eine differenzierte Analyse, wie baulich-räumliche Strukturen die Soziale Arbeit fördern oder behindern und welche konkreten Veränderungen erforderlich sind, um die Qualität der Unterstützung zu verbessern“, sagt Sperling. Insgesamt 12 Schutzeinrichtungen mit 8 Schutzhäusern und 12 Schutzwohnungen untersuchte das Forscherinnenteam. Das sind rund 75 Prozent der in sächsischer Trägerschaft befindlichen Schutzeinrichtungen.
Analyse von Raumprogramm und Ausstattung, Barrierefreiheit
Ihre Analyse zeigt, dass keine der untersuchten Schutzeinrichtungen den Anforderungen einer idealtypischen baulich-räumlichen Gestaltung vollständig entspricht. Beispielsweise mangelt es an privaten Wohneinheiten mit eigenem Koch-, Ess- und Sanitärbereich. Das mindert die Privatsphäre und Selbstbestimmung der Schutzsuchenden und führt durch die gemeinschaftliche Nutzung von Räumen zugleich zu Konflikten und Stresssituationen. Für die Umsetzung professioneller Sozialer Arbeit fehlt es zudem an ausreichend Beratungs-. Gruppen- oder Bewegungsräumen, was die Arbeit der Fachkräfte trotz hoher Resilienz und viel Engagement erschwert. Hinsichtlich Barrierefreiheit gibt es ebenfalls deutliche Mängel. So ist die Barrierefreiheit bei nahezu allen untersuchten Einrichtungen mangelhaft, so dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder anderen Beeinträchtigungen die Räumlichkeiten nur schwer nutzen können.
Handlungsempfehlungen: Quantitativer und qualitativer Ausbau
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der notwendige Ausbau von Schutzplätzen nicht allein quantitativ erfolgen darf. Räumliche Qualität ist eine zentrale Voraussetzung für Schutz, Privatsphäre und nachhaltige Unterstützungsprozesse. „Quantitative Erweiterungen dürfen qualitative Standards nicht unterlaufen – und qualitative Verbesserungen dürfen nicht dazu führen, dass Schutzplätze wegfallen. Denn bereits jetzt stehen in Sachsen zu wenige Plätze zur Verfügung. Beides muss zusammen und vor allem unter Beteiligung der Fachkräfte gedacht sowie durch qualifizierte Planungsteams unterstützt werden“, sagt Sperling.
Wie ideale baulich-räumliche Voraussetzungen für die Schutzsuchenden mit ihren Kindern und Jugendlichen und für eine gelingende Soziale Arbeit durch die Fachkräfte aussehen kann, haben die Forschenden in ihrer Studie dargestellt. So liefern die Ergebnisse konkrete Anforderungen an Räume und Ausstattung sowie Strukturvorschläge für Neubau und Bestand.
„Die Studie richtet sich an Fördermittelgeber, Planungsteams und Träger gleichermaßen. Sie bietet eine empirisch fundierte Grundlage für baulich-räumliche Weiterentwicklungen und unterstützt die fachliche Argumentation im Gewaltschutz“, so Sperling.

