Vom Spielfeld zur Selbstbehauptung: Jüdische Perspektiven auf Fußball und Sport
Vortrag
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"Superjoden", "Yid Army", "Leutzscher Juden", "Judebubbe" – diese Selbstbezeichnungen erzählen bei Vereinen wie Ajax Amsterdam, Tottenham Hotspur, BSG Chemie Leipzig und Eintracht Frankfurt Geschichten über die Verbindung zwischen Jüdinnen*Juden und Fußball. Jüdischer Sport ist seit jeher ein Feld, in dem antisemitische Fremdzuschreibungen und Selbstbehauptung aufeinandertreffen. Zugespitzt wurden sehr unterschiedliche Vorstellungen über den jüdischen Körper insbesondere seit dem 19. Jahrhundert in den Figuren des "Muskel-" und "Talmudjuden". Doch wie sieht es in der Gegenwart aus? Am Beispiel von Fußball und Fußballfankultur wird dargestellt, wie Jüdinnen*Juden im Sport Selbstwirksamkeit erleben und mit welchen Anfeindungen sie sich auseinandersetzen. Dabei kommt auch die Frage auf, welche Stereotypen über Jüdinnen*Juden fortwähren. Im Zentrum steht dabei der soziale Raum des Stadions, insbesondere der Fankurve. Vor dem Hintergrund historischer Ausschlüsse und gegenwärtiger Antisemitismuserfahrungen beschäftigt sich Ott damit, inwiefern Fankultur auch als Praxis der Selbstermächtigung begriffen werden kann: als bewusste Aneignung eines gesellschaftlich hoch aufgeladenen Raumes, der oft als nicht-jüdisch markiert gilt. Gleichermaßen wird aber auch darauf eingegangen, wie jüdische Kultur, Symbolik, Identität in diesem Raum verhandelt wird. Auf diese Weise werden Fremdzuschreibung und Selbstwahrnehmung gegenübergestellt und sowohl Vorurteile gegenüber Fankultur als auch Jüdinnen*Juden kritisch hinterfragt.
Monty Ott ist Politik- und Religionswissenschaftler sowie politischer Schriftsteller. In seinen Arbeiten setzt er sich mit Antisemitismus, Erinnerungskultur, Intersektionalität und Queerness auseinander und bringt neue Perspektiven in gesellschaftliche Debatten ein. Mit seinem viel beachteten Essay „Inzwischen ist es kalt geworden“, veröffentlicht in DIE ZEIT Anfang 2023, lieferte er eine prägnante Analyse des Antisemitismus in linken Bewegungen – und nahm damit Entwicklungen vorweg, die nach dem 7. Oktober 2023 verstärkt in den Fokus rückten. Seit über einem Jahrzehnt engagiert er sich aktiv in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit. Derzeit arbeitet er an seiner Dissertation zur „Queeren jüdischen Theologie“.
