Im Interview spricht Walter Miller, Professor für Entwerfen und digitale Planungsmethoden, über seinen Weg zur Architektur. Er erklärt, warum gerade die Verbindung aus Kreativität und realer Umsetzung ihn bis heute fasziniert.
Warum haben Sie sich für den Beruf des Architekten entschieden?
Walter Miller: Ehrlich gesagt gab es nach dem Abitur mehrere Optionen für mich, und ich war mir zunächst unsicher, welcher Weg der richtige ist. Deshalb habe ich mir Zeit genommen, bin ein Jahr durch Europa gereist und habe verschiedene Praktika gemacht.
Das Schöpferische und Gestalterische hat mich schon immer interessiert, und Architektur war eine von mehreren Möglichkeiten. Auch freie oder grafische Kunst kamen für mich infrage, erschienen mir jedoch zu wenig gebunden – zu sehr im „luftleeren Raum“. Mir fehlte ein klarer Rahmen und eine greifbare Relevanz.
Während meiner Reisen habe ich dann erkannt, dass Architektur genau diese Verbindung bietet: Am Anfang steht die kreative Idee, die den gesamten Prozess begleitet. Gleichzeitig wird diese Idee unter realen Bedingungen – physikalischen Gesetzen, funktionalen Anforderungen und im Austausch mit vielen Beteiligten – Schritt für Schritt in ein konkretes, dreidimensionales Ergebnis überführt. Dieser prozesshafte Charakter hat mich sofort begeistert. Da wurde mir klar: Das ist es.
Hat sich diese Entscheidung im Laufe Ihres Studiums und Berufslebens bestätigt?
Walter Miller: Absolut, zu hundert Prozent. Besonders die Verbindung aus Entwurf, Prozess und gebautem Ergebnis fasziniert mich bis heute: Eine Idee entsteht, entwickelt sich weiter und wird schließlich zu einem realen, begehbaren Raum, den Menschen erleben können. Für mich ist das nach wie vor eine der schönsten Aufgaben überhaupt.
Einige Absolventinnen und Absolventen entscheiden sich nach dem Studium gegen den klassischen Weg im Architekturbüro. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Walter Miller: Der Beruf ist anspruchsvoll – vielleicht einer der fordernderen unter den akademischen Tätigkeiten. Architektur kann einen stark vereinnahmen, weil sie einen hohen kreativen und zeitlichen Einsatz verlangt.
Unsere Kernkompetenz liegt im Entwerfen. Gleichzeitig ist dieser Prozess nie wirklich abgeschlossen – man kann immer weiter optimieren. Deshalb braucht es ein hohes Maß an Selbstdisziplin, um zu erkennen, wann ein Projekt „gut genug“ ist. Genau das ist eine wichtige Lernkurve im Berufsleben: ein gesundes Maß zu finden zwischen Anspruch und Machbarkeit.
Was möchten Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg geben?
Walter Miller: Meine Professur trägt den Titel „Entwerfen und digitale Planungsmethoden“. Das Entwerfen ist dabei unsere zentrale Kompetenz – das, was uns als Architektinnen und Architekten auszeichnet.
Ich bin sehr dankbar, dass ich während meines Studiums – insbesondere an der TU Dresden – intensiv darin ausgebildet wurde. Diese Fähigkeit möchte ich unbedingt weitergeben: schnell und präzise zu entwerfen, mit Räumen zu denken, Ideen zu entwickeln und diese gestalterisch überzeugend umzusetzen.
Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass praxisrelevantes Wissen im Studium oft zu kurz kommt. Deshalb ist es mir wichtig, neben dem Entwurf auch digitale Planungsmethoden zu vermitteln und den Studierenden praxisnahe Einblicke zu geben – etwa durch ergänzende Vorlesungen und Beispiele aus dem Berufsalltag.
Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Professur gesetzt?
Walter Miller: Die Professur umfasst drei zentrale Bereiche: Lehre, Gremienarbeit und Forschung. In der Lehre möchte ich insbesondere das Entwerfen, digitale Planungsmethoden und grundlegende architektonische Kompetenzen vermitteln.
In der Forschung interessieren mich vor allem interdisziplinäre Ansätze. Ein wichtiger Schwerpunkt ist für mich das Building Information Modeling (BIM), das die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen fördert. Architektur, Ingenieurwesen und Informatik greifen hier ineinander.
Ein persönliches Anliegen ist mir außerdem die Teamarbeit. Ich bin überzeugt, dass gute Ergebnisse nur im Austausch entstehen. Deshalb möchte ich eng mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen sowie mit Studierenden zusammenarbeiten und gemeinsame Projekte entwickeln.
Gibt es etwas, das Sie sich für Ihre Zukunft an der Hochschule wünschen?
Walter Miller: Im Moment bin ich noch stark im Ankommen. Nach dem ersten Semester entdecke ich weiterhin Strukturen, Prozesse und Möglichkeiten. Wünsche entstehen oft erst, wenn man die eigenen Grenzen besser kennt. Im Augenblick überwiegt für mich noch die Neugier und die Freude daran, die Hochschule weiter kennenzulernen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Walter Miller wurde 1975 in Stuttgart geboren.
Nach seinem Studium an der TU Dresden war er mehrere Jahre im In- und Ausland für verschiedene Planungsbüros tätig und konnte unter anderem bei Léon Wohlhage Wernik (Berlin), Prof. Kulka und Partner (Dresden) sowie equipo4D (Madrid) Erfahrungen im Bereich öffentlicher und privater Bauvorhaben sammeln.
Von 2004 bis 2007 arbeitete er als Projektleiter für das Büro zanderarchitekten in Dresden. Von 2007 bis 2010 agierte er als geschäftsführender Gesellschafter der “zander miller pötzsch GbR” sowie der “Schön Hausen Bauträger GmbH”.
Im Sommer 2010 folgte die Gründung des heutigen Architekturbüros. Seither war er unter anderem am Lehrstuhl für Baukonstruktion und Entwerfen der Technischen Universität Dresden tätig und ist regelmäßig Preisrichter bei Architekturwettbewerben.
https://www.millerarchitektur.de
