Jüdische Familien und ihre Kunstsammlungen in Leipzig
Jüdische Familien waren wichtige Akteure in der Leipziger Kulturszene des beginnenden 20. Jahrhunderts und sie sammelten Kunst: Alte Meister, bedeutende Vertreter*innen des 19. Jahrhunderts, den deutschen und französischen Impressionismus sowie Werke der Klassischen Moderne. Die Sammlungen spiegeln einerseits einen bürgerlichen, überregionalen Kunstgeschmack wider und sind andererseits Zeugnis des kulturellen Engagements.
Die aufgerufenen Themenkomplexe des Kunstsammelns, der Kunstrezeption sowie der Kunstpatronage fließen in die Überlegungen zu den einzeln vorgestellten Sammlungen ein, die in einem größeren Kontext der Leipziger Kulturszene betrachtet werden. Denn die Familien waren untereinander familiär und freundschaftlich verbunden, unterstützten Künstler*innen und Museen in Leipzig und waren in Clubs und Vereinen für Kultur aktiv – ein Netzwerk, das regional und überregional wirkte.
Der Vortrag beleuchtet die Biografien verschiedener Familien und ihre Sammlungen. Der Forschungsstand ist ausgesprochen heterogen und abhängig von Prozessen nach 1945 bzw. 1990. Zu einigen Familien liegen schon viele Erkenntnisse vor (bspw. die Sammlungen Hinrichsen, Kirstein, Lilienfeld und Sonntag). Oftmals resultieren diese aus Restitutionsprozessen. Zu dem Leben und Kunstbesitz anderer Familien wird noch intensiv geforscht (bspw. Sammlungen Breslauer, Halberstam, Kraemer, Platky). Diese Familien sind aus dem kulturellen Gedächtnis der Stadt verschwunden. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung zu aktivieren und möglich zu machen. Dafür stellen sich verschiedene Fragen: Welche Folgen hatte die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus für die Familienmitglieder, die Kunst und die Leipziger Kulturszene? Wie gehen wir heute damit um? Welche Rolle nehmen Kulturinstitutionen, insbesondere Kunstmuseen, in der Erinnerungsarbeit ein?
Ulrike Saß ist seit Juni 2022 Provenienzforscherin am Museum der bildenden Künste in Leipzig. Zuvor war sie von 2018 bis 2022 Juniorprofessorin für kunsthistorische Provenienzforschung an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Geschichte des Kunstmarktes und des Sammelns sowie die kritische Aufarbeitung von Kulturgutentzügen. Sie ist Mitherausgeberin der internationalen, wissenschaftlichen Zeitschrift transfer. Zeitschrift für Provenienzforschung und Sammlungsgeschichte.
Ulrike Saß studierte Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Leipzig und Bologna und wurde 2016 mit einer Arbeit zur Galerie Gerstenberger und dem Kunsthändler Wilhelm Grosshennig in Leipzig promoviert. Von 2011 bis 2014 war sie sächsische Landesstipendiatin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Sie absolvierte ein wissenschaftliches Volontariat am GRASSI Museum für angewandte Kunst in Leipzig und arbeitete von 2015 bis 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hamburger Kunsthalle.
